Die Psychoanalyse ist eine Behandlungsmethode seelischer und psychosomatischer Erkrankungen. Darüber hinaus ist sie eine wissenschaftliche Methode zur Erforschung bewusster und unbewusster psychischer Prozesse sowie sozialer, politischer und kultureller Phänomene.

Die psychoanalytische Behandlungsmethode ist ein am Individuum orientiertes Psychotherapieverfahren. Sie bietet PatientInnen einen möglichst offenen Raum an, in dem konflikthaft-unbewusste psychische Inhalte, die der Symptomatik zugrunde liegen, zugänglich und bearbeitet werden können. Heilend wirken erlebte Einsichten, die mit starken Emotionen verbunden sind, und die in der Beziehung zum/zur AnalytikerIn wieder lebendig werden. Hierbei ist die Übertragung, d.h. die Verknüpfung lebensgeschichtlich erworbener Vorstellungen von Bezugspersonen mit dem/der AnalytikerIn, von besonderer Bedeutung. Auf diese Weise wird das Einst im Jetzt, das Innere der PatientInnen im Außen, im Hier und Jetzt der aktuellen emotionalen Beziehung zum/zur AnalytikerIn zugänglich. Frühe traumatische Erfahrungen, auch aus der vorsprachlichen Entwicklungszeit, können so in der Gegenwart neu erlebt, besser in Worte gefasst und verstanden werden. Es ist diese erlebte Einsicht, die im Prozess psychischer Veränderung zu einer Restrukturierung führt. Erst dadurch können neue Erfahrungen gemacht und Netzwerke im Gehirn angelegt werden, die alte kranke Verknüpfungen umgehen.

Die Psychoanalyse vertritt ein Subjektverständnis, bei dem der/die Einzelne die Bedeutsamkeit der eigenen Geschichte, der frühkindlichen Beziehungen und Identifizierungen als Möglichkeit begreift, sich im eigenen Gewordensein besser zu verstehen, sich weiter zu entwickeln und sich damit aus konflikthaften und krankmachenden Einengungen zu befreien. Dabei betont sie die Notwendigkeit von äußerem und innerem Raum und Zeit für die Auseinandersetzung mit sich selbst, für das Verstehen zerrissener lebensgeschichtlicher Zusammenhänge, für die Analyse unbewusster Sinnzusammenhänge und für die Fortführung konflikthaft oder traumatisch unterbrochener Entwicklungsprozesse. Dabei spielen Prozesse der kritischen Selbstreflexion, der Auseinandersetzung mit Angst, Schmerz, Trauer und Ambivalenz, der Akzeptanz unrealisierbarer Wünsche und Illusionen, der Toleranz für Unsicherheit, Krankheit und Leiden eine bedeutende Rolle. Die Psychoanalyse sieht die Möglichkeit dazu nur in einem längerfristigen, stabilen persönlichen Begegnungs- und Beziehungsraum.

Im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung durch ÄrztInnen und PsychologInnen findet die Psychoanalyse als Behandlungsmethode Anwendung in den Verfahren Analytische Psychotherapie (aP) und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (tfP). Während AnalytikerIn und AnalysandIn in der klassischen eigenfinanzierten Psychoanalyse in der Vereinbarung von wöchentlicher Stundenfrequenz und Dauer völlig frei sind, ist der Behandlungsumfang in den krankenkassenfinanzierten Verfahren eingeschränkt: In einer Analytischen Psychotherapie finden zwei bis drei, auf besonderen Antrag zeitweise auch vier Therapiesitzungen pro Woche statt, die Anzahl der Therapiestunden ist auf 300 begrenzt. Jede einzelne Sitzung dauert 50 Minuten. Der/die PatientIn liegt während der Behandlung auf einer Couch, hinter welcher der/die AnalytikerIn sitzt. Dieses Setting hat sich als hilfreich für PatientInnen und AnalytikerInnen erwiesen. Es unterstützt die PatientInnen dabei, ihrem Erleben, ihren Empfindungen und Assoziationen einen möglichst freien Raum zu geben, und es hilft dem/der AnalytikerIn dabei, die Aufmerksamkeit möglichst gleichschwebend den verbalen und nonverbalen Mitteilungen der PatientInnen, aber auch den eigenen emotionalen und affektiven Reaktionen, der Gegenübertragung, zuzuwenden. In einer Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie finden ein bis zwei 50-minütige Sitzungen pro Woche statt, die Anzahl der Sitzungen ist auf 100 begrenzt. Die Behandlung findet im Sitzen statt.

Als wissenschaftliche Methode geht die Psychoanalyse auf Konzepte von Sigmund Freud zurück. Zu diesen gehören ein Menschenbild, das die Bedeutung unbewusster Triebe, Wünsche und Phantasien hervorhebt, ein Strukturmodell der menschlichen Psyche, das drei Instanzen (Ich, Es, Über-Ich) beschreibt, die Theorie der Abwehrmechanismen (wie Verdrängung, Projektion oder Sublimierung), ein Modell der psychosexuellen Entwicklung sowie, auf der Basis dieser Grundlagen, ein spezifisches Krankheitsverständnis, das unbewältigte inter- oder intrapsychische Konflikte als Ursache psychischer Erkrankungen begreift. Die Weiterentwicklungen der psychoanalytischen Theorie nach Freud sind mit zahlreichen Namen verbunden. Besonders wichtig sind Michael Balint, Wilfred R. Bion, Melanie Klein, Jacques Lacan oder Donald W. Winnicott. Einer größeren Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren Otto Kernberg bekannt geworden. In Deutschland haben Alexander Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter eine herausragende Rolle in der Entwicklung der Psychosomatischen Medizin und der politischen und sozialpsychologischen Anwendung der Psychoanalyse gespielt.

Im Lauf der Zeit hat sich die psychoanalytische Forschung ganz neue Felder erschlossen; klinisch ist hier zum einen die Erweiterung des Behandlungsspektrums z. B. um narzisstische und Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu nennen, entwicklungspsychologisch die Erforschung der vorsprachlichen Mutter-Kind-Beziehung. Zum anderen sind Irrtümer Freuds, etwa solche im Hinblick auf die weibliche Sexualität, widerlegt und ad acta gelegt worden. Darüber hinaus sind die Grundkonzeptionen wesentlich erweitert und ergänzt worden, wozu insbesondere die Ausarbeitung der Objektbeziehungstheorie beigetragen hat, die die realen und phantasierten Interaktionen des Kindes mit seinen frühen Bezugspersonen (in der Therorietradition der Psychoanalyse werden reale oder phantasierte Personen, die mit einem Subjekt in Beziehung stehen, “Objekte” genannt) und die entsprechenden Verinnerlichungsvorgänge beschreibt. Die Theorie der Abwehrmechanismen ist durch die Beschäftigung mit Abwehrformen, die schon früh in der Entwicklung des Subjekts auftreten (wie Spaltung oder projektive Identifizierung) vertieft worden. Unter dem Einfluss der Objektbeziehungstheorie sind die frühe Mutter-Kind-Beziehung sowie frühe kindliche Ängste und depressive Verlassenheitszustände zu einem zentralen Thema geworden. Dies betrifft sowohl die klinische Forschung in der psychoanalytischen Situation als auch die empirische Forschung (Säuglings-, Bindungsforschung), zwischen denen es Verbindungen gibt. Durch ein vertieftes Wissen um negative Übertragungen ist es möglich geworden, auch sogenannte “früh gestörte” PatientInnen psychoanalytisch zu behandeln. (Die vorangehenden Abschnitte sind eine leicht veränderte Zusammenfassung der Kapitel Psychoanalytische Theorie und Psychoanalytische Ausbildung der DPV Broschüre. Die vollständigen Kapitel finden Sie hier.)

Vertiefende Informationen finden sie auch in diesem Artikel von Helmut Hinz und Joachim F. Danckwardt